Das erste Akkordeon: Cyrill Demian und sein Accordion-Patent

Anzeige Wer hat eigentlich das Akkordeon erfunden? Die Antwort auf diese häufig gestellte Frage lautet: Niemand. Es hat nie jemanden gegeben, der in seiner Werkstatt "das Akkordeon erfand". Seine verschiedenen Teile haben alle ihre eigene Geschichte, und viele Instrumentenbauer haben dazu beigetragen, dass sich daraus das heutige Akkordeon entwickeln konnte.

Seinen Namen hat es erhalten, weil nur ein Knopfdruck nötig ist, um einen harmonischen Akkord zu erzeugen. Für den Klang der Einzeltöne und Akkorde sind Zungen zuständig, die durch Luftströme in Schwingungen versetzt werden. Diese Luft wird durch einen Balg bewegt, und dieser Balg wird von Hand bedient.

Instrumente mit diesen Eigenschaften nennt man Harmonikas, Instrumente mit durchschlagenden Zungen, Balginstrumente oder Handzuginstrumente, je nachdem, welche Eigenschaft im Vordergrund steht. Enge Verwandte des Akkordeons sind zum Beispiel das Bajan, das Bandoneon und die Concertina.

1829 erfand Cyrill Demian das Accordion als erstes Instrument, das jede dieser vier Eigenschaften besaß. Es hatte äußerlich noch wenig Ähnlichkeit mit dem heutigen Akkordeon, wird aber als die Erfindung betrachtet, aus der es entstanden ist.

Das Patent von Demians Accordion hat Dr. Herbert Scheibenreif 1988 in der Bibliothek der Technischen Universität Wien ausfindig gemacht. Herbert Scheibenreif ist unter anderem Übersetzer der Bücher des Moskauer Bajanisten Friedrich Lips, dessen CDs er produziert und unter www.accordion-cd.co.at vertreibt.

Das Patent wurde 1829 in Wien ausgestellt und ist in einer Handschrift verfasst, die heute nur noch wenige entziffern können. Die von Herbert Scheibenreif eruierten Teile können Sie unten in heutiger Schrift sehen. Das Schriftbild des Originals können wir Ihnen leider nicht zeigen, da die Bibliothek der Technischen Universität Wien die Abbildung untersagt hat.

Die hier vorliegenden Inhalte konnte mein Vater Karl Weyde in lateinische Schrift übertragen, da er selbst seit den 1920er Jahren die sogenannte "deutsche Schreibschrift" verwendet hat. Zwischen individuellen Handschriften finden sich jedoch große Unterschiede. Sehen Sie hierzu den Artikel bei Wikipedia über die Deutsche Kurrentschrift.

Da das Accordion-Patent von Demian von musik- und kulturhistorischer Bedeutung ist, weise ich darauf hin, dass die vorliegende Übertragung auf Grundlage praktischen Umgangs mit deutscher Handschrift angefertigt wurde, jedoch wissenschaftlichen Ansprüchen weder genügen kann noch will.

Martin Weyde

Das Accordion-Patent

(in die heutige Schreibweise übertragen von Karl Weyde)

Prot: No. 111de 1838.
Priv: Reg: No. 1757.

vom 23. Mai 1829.

|:1 Beschreibung, 1 Zeichnung und 1 Umschlag:|

An die hochlöbliche kk. allgemeine Hofkammer
expediert am 15. Mai 1829. 3 Uhr Nachmittag
Joseph Rosenfeld
Reggs Präs. Registrant

ad 20023. 1829.ad 26391
120.Consig: No. 1433.

Beschreibung und Zeichnung

Demian Cyrill in Verbindung mit seinen beiden Söhnen Karl und Guido, Orgel und Claviermacher, wohnen auf der Mariahilferstrasse No. 43 in Wien, zeigen einer hohen Landesstelle geziemend an, ein neues Instrument Accordion genannt erfunden zu haben, welches in der Wesenheit darin besteht, daß selbes die Form eines kleinen Kästchens hat, worin Federn aus Mettallblatten, samt einen Blasebalg angebracht sind, und zwar so, daß es bequem eingesteckt werden kann daher Reisenden das Land besuchende Inpiduen, ein solches Instrument erwünscht seyn muß.

Es können auf demselben, Märsche Arien Melodien etc. selbst von einen Nichtkenner der Musik nach kurzer Übung, die lieblichsten angenehmsten, nach der Einweisung des Instruments 3, 4, 5 etc. tönigen Accorde gespielt werden.

Demian mit seinen beyden
Söhnen Karl und Guido

Empfangen den 11 Mai 1829 um 5 1/2 Uhr Nachmittags
S. 26 / 2. M. Ritter v. ...UNLESERLICH... Protokolldirektor

Beschreibung

Demian Cyrill und seine beiden Söhne Karl und Guido Orgel und Klaviermacher wohnen auf der Mariahilferstrasse No. 43 in Wien, stellen die Wesenheit ihres neu erfundenen Instrumentes |:Accordion genannt:| folgendermassen dar.

1tens

In einem Kästchen von 7 bis 9 Zoll lang 3 1/2 Zoll breit und 2 Zoll hoch, sind Federn auf Messingblatten angebracht, welche zwar seit mehr als 200 Jahre in den Orgeln unter den Nahmen Regale, Zungen, Schnarrwerk bekannt sind.

2tens

Durch einen an obbenannten Kästchen angebrachten Blasebalg, und unten daran befindlichen 5 Claves, kann selbst ein Nichtkenner der Musik, nach sehr kurzer Übung, die lieblichsten und ergreifendsten 3, 4 oder 5 tönigen Accorde hören lassen.

3tens

Jeder Claves oder Taste an diesem Instrumente läßt zwey verschiedene Accorde hören, folglich so viel Tasten sich daran befinden, doppelt so viel Accorde sind zu hören, beim Aufziehen des Balges gibt ein Taste den einen, beim Niederdrücken des Balges, die nehmliche Taste den zweiten Accord.

4tens

Da dieses Instrument mit 4, 5 und 6 oder auch mehreren Claves gemacht werden kann, und die Accorde Alphabetisch geordnet sind, so können viele bekannte Arien Melodien und Märsche etc. gleich einer 3, 4 oder 5 stimmigen Harmonie, mit einer jede Erwartung befriedigenden Zartheit und weit überraschender Annehmlichkeit mit wachsender und abnehmender Stärke des Tons vorgetragen werden.

5tens

Ist dieses Instrument in der Größe gleich der beiliegenden Zeichnung, mit 5 Claves und 10 Accorden, nicht über 32 bis 36 Loth schwer, nur wenn die Accorde vermehrt werden, wird es in der Größe blos länger und um einige Loth schwerer, folglich leicht und bequem zu tragen, und dürfte für Reisende, das Land oder Gesellschaften besuchende Inpiduen beiderlei Geschlechts, besonders da es ohne Beihilfe eines zweiten gespielt werden kann, gewiß eine willkommene Erfindung seyn.

Wien den 6ten May 1829.

Cyrill Demian
Carl Demian
Guido Demian

aufgezogener Balg

Mit den Dekel des Balges, läßt sich das ganze Instrument verdoppeln, so daß man dadurch die Accorde vermehrt, oder auch mit einzelne Töne spielen kann, in diesem Fall, muß ein zweyter Einsatz mit Federn, und auch eine 2te Claviatur dazu kommen, der Blasebalg bleibt in der Mitte, jede Hand dirigirt abwechselnd, entweder die Claves, oder den Balg.

Durch eine obengenannte Verdoplung des Instruments oder durch Vermehrung der Accorde, würde niemand etwas verbessern, oder was neues liefern, weil nur die Bestandtheile dadurch vermehrt, das Instrument theurer und schwerer wird.

Nach der vorliegenden Zeichnung, kostet das Instrument 12 bis 16/M M den Unterschied im Preise, macht das elegante oder minder schöne Äußere.

Daß man durch einen Claves, einen ganzen Accord spielen kann glauben wir als die vorzüglichste Neuheit angeben zu können.

niedergedrückter Balg

Grundriß und innere Ansicht des Accordion

Vorliegende Zeichnung ist nach der natürlichen Größe, in welcher das Instrument nicht viel, oder nicht über 1 Pfund wiegt, - soll es aber um einige Accorde mehr bekomen so wird es mit 2 Accorden imer um 3/4 Zoll bringen ...UNLESERLICH...

g h d f# c# sind Mettalblatten mit unten darauf befestigten Federn, welche beim aufziehen des Balges ansprechen, a c e g d Blatten mit oben darauf befestigten Federn, welche beim niederdrücken des Balgs ansprechen, wenn ein Claves gedrückt wird spricht also ein Accord beim aufziehen, ein zweyter Accord beim niederdrücken des Balges, das Instrument wird mit der linken Hand so gehalten, daß die Claves unten liegen, und die 4 Finger nach Belieben auf die Claves spielen können, die rechte Hand sezt den Balg in Bewegung nicht aufwärts sondern seitwärts, eine schnelere oder sachtere Bewegung des Balges bewirkt den Ausdruck von piano durchs crescendo ins forte.

Cyrill, Carl und Guido Demian

...UNLESERLICH... Ansicht der Claves und der Ventile, auf dem Boden welcher sich genau über die belederten Leisten a b c d e f einschieben läßt, und den inneren Luftraum verschließt, damit das ausdehnen und eindringen der Luft blos durch die geöfneten Ventile geschehen kann.